Skip to content

Kieler Polizei setzt bei Hundeausbildung nicht mehr auf Schmerz

Kiel. Ein Bürogebäude in Kiel-Hassee. Der Täter hält sich in einem der Räume versteckt. Hauptkommissar Sven Buchholz ruft von draußen zum dritten Mal: ​​„Kommen sie raus oder ich schicke den Diensthund! Letzte Warnung!“ Keine Reaktion. Buchholz lässt Schäferhund Loki von der Leine.

Weiterlesen nach der Anzeige

Weiterlesen nach der Anzeige

Sofort stürmt das Tier durch die Eingangstür, hetzt von Raum zu Raum. Schließlich ein lauter Schrei, Buchholz eilt nach. In einem der Büros findet er Loki, verbissen in den Arm des Täters. Dessen Gegenwehr ist zwecklos, Loki lässt nicht locker. Erst als der Hauptkommissar das Trennkommando ruft, lösen sich Zähne, und die Trainingseinheit ist beendet.

Ohne Kommando vom Herrchen lässt Loki nicht mehr los – auch beim Coaching nicht.

Der knapp dreijährige Belgische Schäferhund Loki kommt frisch aus der Schutzhundausbildung und ist seit Kurzem Teil der Kieler Polizeihundestaffel. 16 Hundekollegen hat er dort. Aber Loki ist der erste, bei dessen Ausbildung auf das seit Jahresanfang verbotene Stachelhalsband verzichtet wurde.

Weiterlesen nach der Anzeige

Weiterlesen nach der Anzeige

Privat zum Knuddeln, im Dienst hoch aggressiv

Polizei-Herrchen und Diensthund bilden eine Einheit, wie sie so eng selten irgendwo zu finden ist. „Ich habe Loki mit acht Wochen bekommen, er ist bei mir aufgewachsen“, sagt Buchholz. „Der Hund ist rund um die Uhr bei einem. Man kann auch nicht einfach zum Nachbarn sagen: Kümmer dich mal einen Tag um den Hund – denn der ist gefährlich.”

Das muss er sein, denn zu Lokis Aufgaben gehört es, ganz wie in der Übung im verlassenen Bürogebäude auf Kommando zuzubeißen, Verbrecher aufzuspüren und zu jagen, das Herrchen zu verteidigen und durch Einschüchterung brenzlige Situationen zu entschärfen. „Wenn es zum Beispiel Ärger in der Bergstraße gibt“, sagt Buchholz, „spätestens, wenn du mit einem hoch aggressiven bellenden Hund auf die Straße trittst, ist Ruhe.“

Hauptkommissar Sven Buchholz mit seinem Diensthund Loki: „Meine Kinder spielen und knuddeln mit ihm.“

Hauptkommissar Sven Buchholz mit seinem Diensthund Loki: „Meine Kinder spielen und knuddeln mit ihm.“

Die Aggressivität ist in den Hunden, die für die Polizeiarbeit ausgewählt werden, veranlagt und eines der zentralen Auswahlkriterien. „Im Privatleben ist Loki sehr friedlich“, sagt Buchholz. „Meine Kinder spielen und knuddeln mit ihm, das ist kein Downside. Und dann gibt es den anderen Loki, den Dienst-Loki.” Der habe eine gehörige Portion Aggression, auch der Beutetrieb sei bei ihm ausgesprochen hoch – was man sich bei der Ausbildung zunutze macht.

Die Aggression ist gewollt – und wird gefördert

Nach der Grundausbildung, die noch im Welpenalter beginnt, und in der Loki vor allem Gehorsamkeit lernte, startete mit zwei Jahren der Schutzhundelehrgang. Hier werden die Hunde bewusst gereizt. Ein Ausbilder bedroht den Hund mit Gesten, schreit, zeigt die Zähne. Der Hund an der Leine des Herrchens darf und soll seinen Instinkt ausleben: an der Leine reißen, Zähne blecken, bellen. „Da darf man keinen Fehler machen und nicht loslassen“, sagt Buchholz, „sonst wird es blutig.“

Weiterlesen nach der Anzeige

Weiterlesen nach der Anzeige

In einem davon getrennten Schritt lernt der Hund das Zubeißen. Hierfür zieht der Ausbilder spezielle Schutzkleidung an. Dem Hund wird beigebracht: Auch der Mensch ist seine Beute of him. „Ab da wird der Hund dann gefährlich“, so Buchholz.

Wie ausbilden ohne Stachelhalsband?

Weil ein derart wild gemachter Hund nicht immer leicht unter Kontrolle zu halten ist, wurden beim Coaching noch bis Anfang dieses Jahres Stachelhalsbänder verwendet. Die abgerundeten Stacheln auf der Innenseite verletzten die Tiere zwar nicht, drückten sich beim Zug an der Leine aber schmerzhaft ins Fleisch und zwangen den Hund so zur Beruhigung.

„Als das Anfang der Jahres verboten wurde“, sagt Buchholz „standen erst mal alle mit großen Augen da und dachten: Wie machen wir das jetzt?“ Aber es stellte sich heraus: So einschneidend battle die Veränderung gar nicht. “Man hat die Hunde ganz einfach weiter so ausgebildet wie vorher und hat gesagt: Okay, wenn es nicht funktioniert, wird der Hund ausgesondert.” Quote laut Buchholz. Natürlich müsse sich noch zeigen, ob sich das Verhältnis langfristig hält.

Herrchen und Diensthund sind nicht nur im Dienst unzertrennlich.

Herrchen und Diensthund sind nicht nur im Dienst unzertrennlich.

Weiterlesen nach der Anzeige

Weiterlesen nach der Anzeige

Ein anderes Hilfsmittel für den Fall, dass ein Hund sich stur verbissen hat und gar nicht mehr hören will, bleibt den Beamten: Der so genannte Trennhaken klingt brutaler als er ist. Zusammengeklappt sieht er aus wie ein großes Taschenmesser. Ausgeklappt zeigt sich ein Löffelförmiges Stück Eisen. „Der wird dem Hund in den Mund geführt und kitzelt ihn dort am Gaumen“, erklärt Buchholz. Schmerzfrei wird so ein Reflex des Hundes ausgelöst, der ihn den Biss lösen lässt.

Die Ausbildung geht weiter

Bei Lokis Ausbildung battle der Einsatz indes nicht notwendig gewesen. Er habe, so das stolze Herrchen, sich bestens geschlagen und vorbildlich benommen. Das heißt: seine Aggressionen und seinen Beutetrieb de el ausgelebt und am Ende des Tages nach getaner Arbeit befriedigt mit dem Hauptkommissar nach Hause gefahren.

Schäferhunde wie Loki sind unter anderem wegen ihres natürlichen Aggressionspotenzials erste Wahl für die Diensthundausbildung.

Schäferhunde wie Loki sind unter anderem wegen ihres natürlichen Aggressionspotenzials erste Wahl für die Diensthundausbildung.

Im kommenden Jahr soll Loki noch zusätzlich zum Brandmittelspürhund ausgebildet werden. Läuft alles erwartungsgemäß, wird er bis zu seinem zehnten oder elften Lebensjahr im Dienst bleiben. Und dann die Hunderente daheim bei Sven Buchholz verbringen.

Von Sven Raschke

Leave a Reply

Your email address will not be published.